Mikrochimärismus –
das Wir in mir

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Das Überleben fremder Zellen in einem Organismus ist ein zweischneidiges Schwert: Verschiedenste Erkrankungen werden dahinter vermutet und doch birgt dieses bis dato noch nicht geklärte Rätsel hochgradiges Potential als „das Elixier des Lebens“ der Zukunft zu gelten.

Als ich im Dezember 2010 an der 9. Tagung: Zellbiologie, Histologie und Embryologie am Österreichischer Histologentag an der Veterinärmedizinischen Universität Wien teilnahm, wurde ich mit einem Phänomen bekannt, dessen ich mir weder bewusst war noch jemals für möglich gehalten hätte. Was wie ein Märchen beginnt – „Es war einmal vor langer Zeit…“ – hat auch einen fabelhaften Namen, nämlich Mikrochimärismus. Bis damals war die immunologische Welt für mich in zwei Seiten eingeteilt, sie glich nämlich dem einfachen Schema „Gut gegen Böse“. Will heißen, dass „mein“ Immunsystem unliebsame pro- als auch eukaryotische Eindringlinge in mehr oder minder rascher Folge vernichtet. Simpel und zufriedenstellend. Doch an diesem kalten, grauen Dezembermorgen war nichts mehr so wie es war, denn Herr Ao.Univ.-Prof. Dr.med.univ. Peter Sedlmayr von der Medizinischen Universität Graz hielt einen Vortrag zu seinem Forschungsgebiet, welches genau so spannend wie unglaublich ist: Mikrochimärismus – dem Zelltransfer von Mutter zu Ungeborenem und umgekehrt, mit dem besonderen Mehrwert, dass nicht alle übertragenen Zellen von der Körperabwehr vernichtet werden und selbst noch nach Jahrzehnten nachgewiesen werden können. So ist es möglich, dass eine Frau neben ihren eignen Zellen auch jene Ihrer Mutter sowie jene ihres Kindes oder ihrer Kinder in sich tragen kann. Das sind 3 Generationen mit mindestens so vielen genetisch unterschiedlichen Individuen-Zellen in einem Körper.

Vermutlich ist für das Ungeborene der Zellaustausch wichtig, um das Immunsystem der Mutter an das Kind zu gewöhnen und es nicht aufgrund seines fremden Erbgutes zu bekämpfen.

Desweiteren gibt es Berichte über ein- und mehreiige Zwillinge, bei denen ebenfalls vor der Geburt ein Austausch von genetischem Material erfolgte, welcher später im adulten Organismus detektierbar war.

Im Körper von Müttern wiederum wurde Fremd-DNA in verschiedenen Organen gefunden; sogar die Blut-Hirn-Schranke schien keine völlig undurchlässige Barriere zu bieten.

Was aufs Erste hin ziemlich bedrohlich klingt, denn immerhin handelt es sich teilweise um pluripotente Stammzellen, und auch sein kann (u.a. werden Autoimmun-, Krebs- als auch degenerative Erkrankungen sowie Schwangerschaftskomplikationen dahingehend weltweit erforscht), hat Potential irgendwann im Rahmen einer speziellen Therapieform bewusst genutzt zu werden.

Inwieweit sich die wenigen aufgrund der Schwangerschaft natürlich ausgetauschten fremden Zellen aktiv durch verschiedene Botenstoffe oder Mechanismen während einer medizinischen Behandlung aktivieren lassen, kann vom derzeitigen Standpunkt nicht abgeschätzt werden, da überdies angenommen wird, dass die der Pluripotenz zugrunde liegenden Eigenschaften von embryonalen Zellen auf den Organismus der Mutter auch mit dem Grad ihrer eigenen Alterung verloren gehen könnten. Andererseits wurden bei einer 94jährigen Frau Zellen mit männlichem Erbgut im Gehirn vorgefunden. Beachtlich und Hoffnung gebend dazu ist, dass Patienten mit Chemotherapie-resistenten metastasierenden soliden Tumoren, die eine Immunsuppression induzieren, eine deutlich höhere Lebenserwartung nach einer haplo-PBSC (haplo-identical peripheral blood stem cell) Behandlung aufwiesen, wobei das hierfür verwendete Genmaterial entweder von ihren Eltern oder Kindern stammte.

Zudem ist bekannt, dass fötale Zellen in geschädigten Organen (Schilddrüse, Leber) der Mutter entdeckt wurden, wo sie am Regenerationsprozess des zerstörten Gewebes teilnahmen, indem sie sich zu für dieses Gewebe spezifischen Zellen differenzierten.

Seit die Forscher der Stanford University 1979 im Blut einer schwangeren Frau Zellen mit Y-Chromosomen diagnostizierten, ist viel Zeit vergangen und wissenschaftliche Fortschritte und Erkenntnisse eröffneten Einblicke in ein Gebiet, das faszinierend und groß wie die Griechische Sagenwelt ist, von der der Name stammt. Gut, dass man sich nicht der Hydra bediente…

Verfasser: Dr. Carmen Ranftler

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